Klarheit finden in Zeiten des Umbruchs

In meinem letzten Beitrag zur aktuellen Situation „In den Wirren der Viren“  ging es um einen bewussten Umgang mit Angst. Darauf verweise ich gleich mal an erster Stelle. Die Situation nach Wochen im Lockdown mit den entstandenen Auswirkungen zeigen mir nach unzähligen Gesprächen mit Coachees, Freunden und KollegInnen, dass Angst nach wie vor eine zentrale Rolle spielt. Deswegen lege ich euch die Tools für einen bewussten Umgang mit Angst, die ihr in diesem Beitrag findet, weiterhin ans Herz.

Wir befinden uns in einem evolutionären Prozess

Als Prozessbegleiter begleite ich Menschen in ihren Entwicklungsbewegungen und habe im Laufe meiner  Berufs- und Lebenspraxis einzelne Entwicklungsschritte in diesem Prozess erkannt, die ich als Schlüssel für eine gelingende Veränderung erachte und die aus meiner Sicht alle durchlebt und gemeistert werden müssen. Sie sind notwendig (um die Not zu wenden) für eine nachhaltig anhaltende Entwicklung von Menschen und Systemen. Daher nenne ich sie evolutionäre Prozesse, denn sie folgen den Gesetzen der Evolution, indem sie aus sich verändernden Rahmenbedingungen und erkannten Fehlern fortlaufend neue Möglichkeiten erschaffen. Bitte verwechselt das nicht mit den ständigen Selbst- und Produktoptimierungen, die andere Ziele verfolgen. Wer mehr über evolutionäre Prozessbegleitung erfahren will, kann hier nachlesen.

Durch die Brille evolutionärer Prozesse betrachtet, ist die Lockdown-Krise ein Spiegelbild dessen, wo wir gerade stehen.

Wir stehen an einer Schwelle, die umfassende Einschnitte quasi über Nacht manifestiert hat und die große Veränderungen für die Zukunft bringen kann. Sie zwingt viele von uns dazu, stehen zu bleiben und (wenn wir das zulassen) inne zu halten. Das ist wertvoll und notwendig als Voraussetzung für jede mögliche Veränderung im Sinne einer Weiterentwicklung. Das ist der erste Schritt, mit dem jede Entwicklung beginnt.

Standortbestimmung

Inne halten, zur Ruhe kommen und sich auf eine radikal ehrliche Evaluation einlassen, deren Ergebnis unausweichlich klarstellt, was nicht mehr funktioniert, was verändert oder zurückgelassen werden muss, um eine andere Richtung einschlagen zu können. Gelingt dieser erste Schritt, können weitere folgen. Nur dann. Die Erkenntnis, dass etwas unwiederbringlich zu Ende geht, ist oft schmerzlich und meistens von Unsicherheit begleitet. Widerstände kommen auf, die leugnen, beschönigen oder ablenken wollen, die das Alte behalten wollen und mit großer kreativer Kraft und bewährten Überlebensstrategien die Unnötigkeit des Wandels glaubhaft machen wollen. Dazu können wir im Augenblick vieles in den Medien und in Gesprächen erfahren .

An diesem Punkt des Prozesses stehen jetzt zunehmend mehr Menschen. Gewohnte materielle Sicherheiten schwinden, sicher geglaubte Grundrechte sind über Nacht ausser Kraft gesetzt. Diejenigen, die sich den Herausforderungen stellen können und sie als Ausgangspunkt für persönliche Veränderungen annehmen, nutzen die Energie der Zeit wie ein Surfer die Energie der Welle. Ein großer Teil von Menschen verharrt jedoch in Angst und wartet ab. Es braucht Ermutigung und Unterstützung, um sich auf dieses Wagnis eines bewussten persönlichen Wandels einlassen zu können. Diese Ermutigung können wir uns gegenseitig geben.

Wir bieten Unterstützung für Entwicklungsprozesse seit Jahrzehnten an,  begleiten Menschen im Wandel,  trainieren gemeinsam Werkzeuge für bewusstere Wahrnehmung, für Entscheidungen und den Umgang mit Unsicherheit (Angst). Mit inszenierten Herausforderungen (Rituale und Trainingssituationen), die die eigene Entscheidungsfähigkeit stärken, deren mögliche Konsequenzen erlebbar machen und einem jedem inne wohnende Ressourcen für einen Weg in unbekanntes Neuland zugänglich werden lassen.

Die derzeitige Situation ist eine solche Inszenierung. Im Unterschied zu unseren Trainings findet sie aber ohne Vorbereitung, ohne eine bewusste Absicht für Veränderung und für die meisten ohne erfahrene Begleitung statt. Sie überfordert deswegen viele Menschen. Auf Überforderung reagieren wir fast alle mit bewährten Strategien  (Persönlichkeits- oder Überlebensmuster) wie verschärfter Kontrolle, Tunnelblick, Konkurrenz, Polarisierungen, starke und vorschnelle Vereinfachungen von komplexen Zusammenhängen und allem, was geeignet erscheint, die verlorene Sicherheit wieder zu gewinnen oder zumindest den Anschein davon aufrecht zu erhalten. Das beobachte ich derzeit in vielen Bereichen unserer Gesellschaft.

Deswegen bin ich skeptisch, dass aus dieser Krise die neuen Möglichkeiten hervorgehen, die sich viele wünschen. Ein neues Bewusstsein für Verbundenheit mit der Natur, dem Leben und dem Sterben, ein allen offen stehender Zugang zu den Ressourcen von Bildung, Gesundheit oder Wohlstand, ein beherztes Einstehen für Unterschiedlichkeit, Respekt und Lebendigkeit. Wer hier eine Nähe zu den Werten unseres Grundgesetzes wahrnimmt, dem sei nicht widersprochen.

Das zu erreichen, bedarf nicht nur einer Krise wie dieser. Es bedarf der Fähigkeit, die Krise anzunehmen als Ausgangspunkt für unbequeme Fragen und ehrliche Antworten, die Betroffenheit und Widerstände auslösen.  Das sind keine angenehmen Erkenntnisse, die  aufzeigen werden, dass jeder von uns auf seine Weise an einer Kultur der Vereinzelung, der materiellen Überbetonung und Wachstumsorientierung, der Selbstbezogenheit,  Ablenkung, Diskriminierung und Erschaffung von Armut, Ausgrenzung oder Naturzerstörung auf seine Weise beteiligt ist.

Die persönlichen Antriebsmuster hinter all dem bewusst zu machen und Schritt für Schritt zu transformieren ist ein anspruchvoller Weg und wird kaum von einer top down inszenierten Krise im Handstreich aufs Gleis gesetzt werden. Das ist auch nicht beabsichtigt und in meinen Augen Illusion.

Fragen führen zu Antworten und Klarheit, wenn sie wirklich relevant sind. Spricht dich eine von diesen Fragen an? Welche  Fragen stellst du dir?

  • Was wäre, wenn es die Wahrheit gar nicht gibt? Wenn es also auch nicht darum geht, wer die Wahrheit kennt und recht hat? Wenn es eben nur unterschiedliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Annahmen oder Geschichten gibt und die Möglichkeit, sich für das zu entscheiden, was deine natürliche Integrität oder Autorität stärkt, was dich gesund sein  oder selbstbestimmt sein lässt? Welche Geschichte wählst du?
  • Wie ist es, wenn wir alle eine verantwortliche Variante wählen? Verantwortlich in dem Sinne, dass wir für ihre Ergebnisse die Verantwortung übernehmen und wirklich daraus lernen können?
  • Wie wirkt es sich aus, wenn wir unsere Wahl  immer wieder überprüfen, sie verändern können und das auch tun (aus unserer Kompetenz für Stimmigkeit, die wir nicht rechtfertigen müssen)
  • Wie erlebst du dich , wenn du für etwas einstehst, wofür du vielleicht kritisiert wirst?
  • Wie geht es dir, wenn du dir eingestehst, dass du  darauf wartest, dass Andere es für dich managen?
  • Welche Möglichkeiten entstehen in deinem Sein und deinem Leben durch diese Lockdown-Situation?
  • Wozu fühlst du dich gerade jetzt aufgerufen und eingeladen?
  • Was verändert es in deinem Selbstverständnis und deinem Lebensgefühl, wenn du den Glauben daran, dass du vieles oder alles alleine hinbekommst, ehrlich überprüfst?
  • Was bewirkt dein Einverständnis, dass es in Ordnung ist, zu sterben und dass ein langes Leben nicht automatisch ein erfülltes Leben ist.
  • …..

Möglichkeiten

  • Stoppen wir so oft wie möglich  galoppierende Gedanken, die recht haben wollen, die verurteilen und trennen. (Wunsch nach Sicherheit, Angst vor?)
  • Bleiben wir unserer Wahrnehmung (denken, fühlen, spüren, empfinden) verbunden, unabhängig von den vermuteten Konsequenzen. Bewusst angenommene und nicht übertriebene Angst ist hier ebenso hilfreich, wie ein neutraler innerer Beobachter.
  • Wertfrei zuhören, auch wenn du mit Ansichten, Einschätzungen oder Meinungen konfrontiert bis, die du nicht teilst. Gehe nicht emotional an den Haken, atme weiter und respektiere das, was gesagt wird. Halte den Raum für jemanden, der dir vertraut, indem er/sie dir etwas mitteilt.
  • Finde das Verbindende, anstatt das Trennende zu betonen. Wie ist das gemeint?
    Mach dir beispielsweise bewusst, dass jeder Mensch, mit dem du gerade in Kontakt bist, etwas Wertvolles für dich bereit hält, auch wenn du das gerade nicht siehst oder haben willst. Bleib offen und im Kontakt mit dir und deinem Gegenüber. Verzichte darauf, jemanden überzeugen zu wollen. Teile mit, was dir wichtig ist ohne dominieren zu wollen. Gehört zu werden, ist ein Geschenk, das du bekommst und das du machen kannst.
  • Gib dir Zeit in der Natur zu sein. Erlebe sie als dein zu Hause, als ein Wunder, als einen Raum, dem du zugehörig bist, der dich fasziniert, unsicher macht oder herausfordert und den du nicht dominieren oder kontrollieren kannst. Nimm das an ohne wissen zu müssen, wozu das Gut sein soll. Lass es zu, lass es wirken. Schau in diesen unbestechlichen Spiegel.

Mit herzlicher Verbundenheit grüße ich dich.

Arthur Dorsch